• Unser Erik ist mit Glaukom auf die Welt gekommen. Er war ein Schreikind. Anfangs eher abends, später permanent 24h. Er hat die Augen kaum aufgemacht, primär beim Rotlicht der Wärmelampe, da das eine ähnliche warme Frequenz wie im Mutterleib ist. Er wollte ständig einen Finger von uns im Mund haben (Nuckel wollte er nicht) - auch im Schlaf. Zudem hat er wegen den Schmerzen schlecht getrunken und hatte somit zusätzlich ständig Hunger...

    Nach 3-4 Wochen hat unsere Hebamme eskaliert und einen Soforttermin beim Kinderarzt organisiert. Er hat daraufhin die Augenärztin der Nachbarpraxis rübergeholt, so dass eine Erstdiagnose erfolgt ist. Dann wurden wir in die Uniklinik Bonn geschickt, wo 2 Oberärzte und 4 Fachärzte bei grellem Licht (!) ihn separat angeschaut haben. Sobald der Druck extrem hoch ist haben alle Patienten Schmerzen bei Tageslicht, geschweige denn bei grellem Licht. Danach wurden wir an die Uniklinik Köln (auch Fachklinik für Glaukom-Kinder) weitergeleitet, wo dann innerhalb weniger Tage operiert worden ist.

    Inzwischen gab es mehrere OP's, wo beidseits Implatate eingesetzt worden sind. Und diverse Narkoseuntersuchungen, die Erik physisch und psyschisch sehr gut vertragen hat. Seit den ersten 4-5 Lebensmonaten ist er endlich schmerzfrei. Hier hat man uns in der Schmerztherapie an keiner Stelle ädequat betreut und unterstützt.

    Erik ist jetzt 3,5 Jahre und hat einen Restsehwert von ca. 10%, wobei das linke Auge stärker (> 10%) und das rechte Auge schwächer (5%) ist. Seine Brille hat er erst akzeptiert, als er selbst damit "spielen" durfte (aufsetzen, absetzen, schräg halten) und wir nicht geschimpft haben, wenn er die Brille absetzt, weil er müde ist. Seitdem fordert er die Brille selbst ein und setzt sie ab, wenn er grob spielen will oder müde ist.

    Der Augendruck ist ständig im Mittelbereich. Weder gut noch schlecht (= Schmerz und drohende Erblindung). Die Impantate sind noch an gewollter Ort und Stelle. Augentropfen sind 3x täglich fällig. Hier unterstützt uns die Kita sehr gut (Jeder Erzieher kann tropfen).

    Zu Eriks Entwicklung: Er ist offen und lebensfroh, erkundet alles Neue. In der Sprachentwicklung und Motorik hat er länger gebraucht, aber das ist normal, da er mit der Beeinträchtigung zu tun hat. Er kennt seine Grenzen und holt von sich aus Hilfe.

    Sehr positiv hat sich bei ihm die craniosacrale Therapie (= Form der Osteopathie) ausgewirkt. Hier werden seine Muskeln und Knochenverbindungen wieder entspannt.

    Die Ursache liegt bei uns Eltern in den Genen. Wir haben beide unsere dominanten Teile vererbt, so dass es bei ihm ausgebrochen ist. Bei anderen Familienmitgliedern ist die Krankheit nirgends ausgebrochen.

  • Hallo Kathrin,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht. Es wird ganz sicher einiges davon anderen Eltern hier "bekannt" vorkommen.

    Schön das sich Erik jetzt so gut entwickelt und ihr Euren Weg gefunden habt ihn zu unterstützen!
    Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Kindertag, wo wir ihn hoffentlich wieder sehen :)

    Seid ganz lieb gegrüßt!

  • Unser Erik ist inzwischen 12 Jahre alt. Er ist ein selbstbewusster und weiterhin lebensfroher junger Mann, der es liebt, zu basteln, Hörbucher zu hören und stundenlang Minecraft zu spielen. Im Nahverkehr ist er alleine unterwegs. Ohne Handy.

    Seine Sehfähigkeit liegt bei 10% und 15%, wobei der Nahbereich besser ist als der Fernbereich. Ein Auge wird für Detailsehen vermehrt zugekniffen, da er sonst Probleme hat. Das führt mittelfristig zur Rückentwicklung des zugekniffenen Auges. Die Abklebe-Methode wirkt nur bis zum Alter von 9 Jahren.

    Seine Grundschule hat er an der Förderschule in Köln gemacht, wo er das Fundament fürs Leben mitbekommen hat. Mit seiner Gymnasialempfehlung geht er jetzt auf eine Gesamtschule in Troisdorf - mit elektrischen Tafeln. Wir haben uns gegen das Gymnasium entschieden, da sich Stress negativ auf seine Augen auswirkt. Er kann es ja immer noch machen. In der Schule hat er ein Bildschirmlesegerät, Ipad Pro, Lupe mit Licht und eine Lesebrille (die er nicht nutzt). Er kommt sehr gut im Unterricht mit. Seine Schulbegleitung für das 5./6. Schuljahr ist für die Eingewöhnung aller Beteiligten (Kind, Lehrer) und sozialer Interaktionen hilfreich.

    Betreut werden wir von der Uniklinik Köln inklusive der Sehschule dort.

  • Hallo Kathrin, es war sehr spannend zu lesen was aus eurem Erik geworden ist.
    Danke, dass du dir die Zeit genommen hast zu berichten.

    Der (Rest-)Visus hat sich ja erfreulicherweise recht stabil gehalten in den letzten Jahren.
    Okkludieren kommt ja altersbedingt nicht mehr in Frage schreibst du.
    Gibt es denn irgendwas anderes was man machen kann um eine Rückentwicklung des Auges zu vermeiden? Irgendein Hilfsmittel fürs Detailsehen welches er gezielt und bewusst einsetzen kann, um das vernachlässigte Auge gezielt zu trainieren?


    Oder kann man da nichts machen und es führt zwangsläufig zu einer Amblyopie?


    Wie steht es denn um Eriks Gesichtsfeld bestellt? Gibt es da auch Einbußen?
    Wie geht es sonst so mit dem Glaukom, passen die Werte?


    Die Entscheidung für die Gesamtschule finde ich übrigens sehr gut und weise bedacht. Es ist schön zu lesen dass es Erik ansonsten gut geht, er zufrieden und lebensfroh ist und seine Hobbies hat.

    So soll es sein <3

    Liebe Grüße

    Rala

  • Liebe Rala,

    der Augendruck war erstaunlich lange für uns im grünen Bereich. Wir sprechen hier aber von RA 20-25 und LA 18-20. Momentan ist es eher Richtung rot - RA 25-30 und LA 20-25. Wir vermuten einen Wachstumsschub.

    Was uns bisher sehr gut geholfen hat, ist die kontinuierliche craniosacrale Osteopathie am kompletten Kopf. Hier werden die Knochenverbindungen des Kopfes wieder "weich und elastisch" gemacht. Unsere Krankenkasse bezahlt es - wobei wir etwas tricksen müssen. Es werden nur 3 Behandlungen mit 500 € max. im Jahr bezuschusst werden.

    Die Perimetrie ist weiterhin ein Fragezeichen. Diese ist aufgrund des Nystagmus (Augenzittern) nicht messbar .

    Die Schulung des schlechten Auges ist leider nicht möglich. Ich hatte hier gezielt in der Sehschule nachgefragt.

    Vielleicht sehen wir uns nächsten Jahr im Herbst zum Glaukom-Kinder-Tag (vermutlich Stuttgart)?

    Falls ihr Interesse habt - es gibt neuerdings regelmäßige Telcos für uns Glaukom-Kinder-Eltern. Die nächste TelCo-Veranstaltung findet am 14.11.2024 abends statt. Bei Interesse meldet euch dazu unverbindlich bitte unter folgender Email-Adresse an:
    jens.flach@bundesverband-glaukom.de

    Liebe Grüße

    Kathrin

  • Hallo Kathrin, ich drücke euch fest die Daumen, dass sich die Druckwerte nach dem Wachstumsschub wieder weiter unter einpendeln werden. Gut dass ihr etwas gefunden habt was hilft (Therapie).

    Ach okay, ich wusste nicht dass Erik auch noch einen Nystagmus hat. Da sind Perimetrie Testungen natürlich schwierig.

    Wäre schön mal zum Glaukom Kindertag zu gehen. Wir waren noch nie dort. Mein Gefühl sagt mir aber, dass wir dort nicht so gut hinpassen. Unser Verlauf war ja irgendwie atypisch, also nicht seit Geburt und bisher noch keine Glaukom OPs. Bei einer TelCo hatte ich mal teilgenommen, aber ich kann da nicht so viel beitragen und auch nicht viel mitreden.

    Baustellen hatten wir einige andere, unter anderem auch mit den Augen. Aber das Glaukom musste bei uns zum Glück bisher nur kontrolliert werden und wird bisher nur medikamentös behandelt. Es wurde halt auch sehr spät erkannt. Wobei die Expertisen da sehr weit auseinander gehen, weil die Beurteilung in unserem Fall sehr schwierig ist. Die Beurteilungen gehen von "das Glaukom hat sich einfach zusätzlich noch oben drauf gesetzt" bis hin zu "Glaukom im Endstadium".

    Sollte der Glaukom Kindertag aber irgendwann mal in Bayern stattfinden, dann kommen wir auf jeden Fall. Das habe ich mir fest vorgenommen.

    Oh das ist sehr schade, dass es keinerlei andere Möglichkeiten gibt, das schlechtere Auge bei Erik zu schulen. So wie ich das verstehe, wird das betroffene Auge dann zwangsläufig mit der Zeit schlechter sehen können.

    Hoffentlich bleibt ihm sein Restvisus noch sehr lange erhalten. Das wünsche ich Euch sehr.


    Alles Liebe

    Rala

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